A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z


POSSENSPIEL


Besetzung: Heinz-Jürgen Meier (voc), Malte Freyer (bg, voc), Detlef Topolinski (dr, voc), Bernd Meyer (g), Hans Knippenberg (ld, g, voc)


Die US-amerikanische Band Dr. Hook & The Madison Show wünschte sich einst, „On the Cover of The Rolling Stone“ zu erscheinen, was ihnen in der Folge auch gelang. - Bei Possenspiel findet sich eine Parallele: In einem ihrer frühen Titel fragten sie: „Wann komm' wa'n bloß im Kreuzworträtsel vor?“ Dieser Wunsch wurde ihnen damals von mehreren Rätselautoren erfüllt.

Den ersten Auftritt hatte „Berlins Schmunzelrockspektakel Nr. 1“ (dies war ihr selbst ge­wählter Slogan) am 11.11.1980. Knippenberg, Freyer und Topolinski kannten sich aus der Formation „Erdmann & Co.“, über die ich leider nichts Näheres weiß. Dass dem Pre­mierenpublikum noch der Sinn für die Ironie ihrer Gags fehlte, haute die drei nicht um. Bald gesellten sich Meier und Meyer hinzu. Ende 1982 konnte ich Possenspiel in mei­nem Heimatort Hohen Neuendorf (bei Berlin) live erleben - mit einem 100-Minuten-Pro­gramm, das beim Publikum richtig gut ankam! Einige ihrer Songs liefen damals schon im Radio – so z. B. „Hänsel und Gretel“ (, die wolln zur Disco gehen ... - auf die Melodie des bekannten Kinderliedes), das „Lied vom Verhindertsein“ (ein Song über die Hor­rorvision, das vor Jahren bestellte Auto tatsächlich zu bekommen), „Wer wirft so spät nach Mitternacht noch Käse in den Fahrstuhlschacht“ (ein Lied über die Jagd nach im Alltag unauffälligen Sündern, die man scheinbar nie erwischt) oder das oben erwähn­te „Kreuzworträtsel“.

Die genannten Songs verdeutlichen den Stil der Band: Alltagsgeschichten werden meist mit einem gehörigen Schuss Satire erzählt (Selbstironie eingeschlossen), aber auch ein paar besinnliche Töne sind mitunter dabei (z. B. „Märchenland“). Die meisten Texte sind im Berliner Dialekt gehalten. Zu den erfolgreichsten Possenspiel-Songs zählt „Sommer, Sonne, Sonnenbrand“ - er beschreibt den „DDR-üblichen“ Ostseeurlaub. 1986 erschien von Possenspiel eine „halbe“ AMIGA-LP, von der ich leider keinen Mit­schnitt besitze. Ich vermute aber, dass diese Titel auf der 1995 veröffentlichten CD „Pest of Posse“ mit enthalten sind. Die LP heißt jedenfalls „Erste komische Interessen­gemeinschaft“ – auf der anderen Seite ein Konzert-Mitschnitt der Gruppe MTS. 1989 folgte das Live-Album „Nieder mit den Gummibären". Noch vor Erscheinen der LP starb überraschend der Sänger Heinz-Jürgen Meier. Er wurde durch Mario Pohl (voc, dr) ersetzt, der als einen der ersten Titel „Da bin ich wieder“ einsang; dieser kurz nach der Maueröffnung entstandene Song reflektiert einen Kurzbesuch „im Westen“ und wur­de prompt zum Hit, der allerdings auch inhaltlich schnell veraltete.  

1992 produzierte die Band noch eine CD auf einem „Pleitegeier Records“ genannten La­bel, z. T. mit Live-Aufnahmen. Dieser „Tanz der Kakerlaken“ überzeugte mich leider nur noch teilweise. Zu den schönsten Stücken zählt neben dem Titelsong auch „Mal Ur­laub machen“ (eine geballte Ladung Hindernisse auf dem Weg zur gebuchten Erho­lung; Mel. wie „Da bin ich wieder“). Die zitierten Volkslieder (die ich als solche sehr mag) dagegen (mit Originaltext) sind mir zu ruppig interpretiert, die textliche Neufassung des „Liedes vom Verhindertsein“ will mir nicht recht einleuchten; bei etlichen Stücken lässt die Textverständlichkeit zu wünschen übrig. Heute existiert die Band nicht mehr. Das Nachfolgeprojekt „Die dicke Tine und der schlaue Bruno“ (DTSB) wurde 2002 gegründet. www.dtsb-online.de

Text: Marianne Salz